Außergewöhnliche Umstände führen oft zu außergewöhnlichen Steuern. So hat die hohe Verschuldung Rumäniens dazu geführt, dass der Gesetzgeber 2010 eine Hexensteuer einführte. Denn bis zu diesem Zeitpunkt war für solche Dienste keine Einkommensteuer fällig. Und wie haben das die betroffenen Steuerpflichtigen aufgenommen? Schauen wir mal…
Allgemein gilt das deutsche Steuerrecht als eines der komplexesten weltweit. So soll ein Großteil der globalen Steuerliteratur deutschsprachig sein. Dabei können Österreicher und Schweizer gerne darauf verweisen, dass dies nur zu einem unbedeutenden Teil auf ihre nationale Gesetzgebung zurückgeht. Doch hat der Umfang steuerlicher Vorschriften in Deutschland durchaus Sinn, zeugt somit von reiflichen Überlegungen über die genaue Ausgestaltung, insbesondere über den Wortlaut der Gesetze, der ja idealerweise eindeutig sein soll. Ob die Sinnhaftigkeit aber auch im Gesamtkontext stimmig ist und somit der dahinterstehenden Intention und Gesamtsituation tatsächlich dient, ist wiederum eine ganz andere Frage.
Zumindest ist dies kein rein deutsches Merkmal (siehe das Beispiel Nachtigallensteuer), wenn man es mit ausländischem Steuerrecht vergleicht. Denn auch jenseits Deutschlands können wir so manche Kuriosität in Punkto Steuerrecht entdecken (zum Beispiel die Bartsteuer). In dieser Reihe ordnen wir mit diesem Beitrag die sogenannte Hexensteuer ein. Wer aber nun glauben mag, dies sei eine rein mittelalterliche Erfindung oder gar eine weitere Pein der Inquisition, um unangepasste oder auf andere Weise unbeliebte Männer und Frauen auch im Hinblick auf ihre Finanzen zu verfolgen, der irrt. Tatsächlich stammt die Hexensteuer, von der wir nun berichten, aus unserer Gegenwart.
So führte Rumänien 2010 die Hexensteuer ein. Bis dahin galt Wahrsagen sowie Verfluchen ebenso wie magischer Schutz davor und alle anderen Arten von Hokuspokus als rein private Tätigkeit. Die ausführenden Personen sprachen sogar von einer gewissen Art gemeinnütziger Fürsorge. Tatsächlich erhielten Personen, die solche Leistungen anboten (ob sie sie auch wirklich ausführten möchten wir einmal bezweifeln) von ihren Auftraggebern zum Teil viel Geld für ihre Mühen. Daher ist ein Blick in die gesellschaftliche Bedeutung von Orakeln und Magie in Rumänien im Hinblick auf die Einführung der Hexensteuer durchaus lohnend.
Der real existierende Sozialismus und seine ihn begleitende Diktatur hatten aus dem schon zuvor stark landwirtschaftlich geprägten Land auch über viele Jahrzehnte hinweg keine moderne Gesellschaft zu schmieden vermocht. Wer auf dem Land lebte und keinen Zugang zu den Segnungen der allenfalls für Propagandazwecke bereitgestellten Produktionsmittel hatte, führte allzeit ein hartes Leben. Asphaltierte Straßen, fließend Wasser, ja sogar die Elektrifizierung, die ja von Lenin selbst als bedeutendes Fortschrittsmerkmal des Kommunismus propagiert wurde, waren keine Selbstverständlichkeit im dörflichen Rumänien. Daher haben die alten Strukturen, die schon in der Zeit vor der Einführung des sozialistischen Regimes in breiten Kreisen der rumänischen Gesellschaft herrschten, bis in die heutige Zeit überlebt.
Ein wesentliches Element davon stellt der Aberglaube dar. Gerade in älteren Generationen ist er in Rumänien auch heute noch weit verbreitet. Dabei gelten sogar Sorgen vor Wiedergängern und Besessenheit durch unreine Geister noch heute als real. Ebenso die Auswirkungen, denen man ausgesetzt ist, wenn man vom bösen Blick getroffen wird. Kein Wunder also, dass Zauberkundige, Hexen, Wahrsager und Exorzisten nach wie vor gefragte Helfer sind. Im kommunistischen Regime waren sie wohl nie ganz verschwunden, sondern überdauerten auf die eine oder andere Weise, nur um nach dem Ende des Ceaușescu-Regimes mit neuer Macht zu Tage zu treten.
Wer aber nun meint, dass Aberglaube ein rein rumänisches Phänomen sei, dem sei versichert, es ist ein Leichtes entsprechende Beispiel in unserer deutschen Kultur aufzuzeigen – auch heutzutage noch. Konsultieren Sie dazu ruhig mal Ihr Horoskop.
Aus Sicht des Gesetzgebers in Rumänien ist die Einführung der sogenannten Hexensteuer allerdings eine eher technische Frage gewesen. Denn da dieser Personenkreis für derartige Dienste bis dahin keine Einkommensteuer zu entrichten brauchte, weil man ihre Tätigkeiten keinem Beruf und folglich auch keinem Gewerbe zuordnen konnte, mussten sie sich überlegen, wie sie dies umsetzen sollten. Schließlich ist es offenkundig, dass eine solche bislang steuerfreie Tätigkeit keineswegs allgemein als gerecht aufgefasst werden kann. Ein Arzt der traditionellen Medizin muss schließlich auch Einkommensteuer zahlen.
Um also die Hexensteuer einzuführen, haben sich die Abgeordneten des rumänischen Parlaments darauf verständigt, Hexerei, Wahrsagen und Hellsehen als Beruf anzuerkennen. Dadurch stellen sie nun ein Gewerbe dar, was wiederum ganz allgemein einkommensteuerpflichtig ist. Dem gleichgestellt sind alle anderen Arten von magischen Betätigungen, also auch Wahrsagen und Wunderheilen. Und da sich in Rumänien tatsächlich viele Frauen zur Hexerei bekennen, ist es wenig verwunderlich, dass man die Steuer auf ihre Einkünfte als Hexensteuer bezeichnet hat.
Jetzt mag man die konsequente Anerkennung von Hexerei und damit einhergehenden Diensten als gewerbliche Tätigkeiten durch die rumänischen Volksvertreter loben. Doch hatte die Einführung der Hexensteuer ein gewisses Nachspiel. So waren die Personen, die bislang von der Steuerbefreiung profitierten, alles andere als erfreut, dass sie fortan ihre übernatürlichen Fähigkeiten auch ganz offiziell als Beruf ausüben durften. Denn wer bis dahin im Jahr durchschnittlich EUR 15.000 Brutto gleich Netto verdiente, was 2009 in Rumänien ausreichte, um zu den Spitzenverdienern zu gehören, der hat bei einem allgemeinen Steuersatz von 10 % immerhin einen spürbaren Anteil des Verdienstes an den Staat abzuführen. Hinzu kommen 25 % Mehrwertsteuer, wenn auch diese die Leistungsempfänger zu zahlen haben. Das macht das Gewerbe für die neu geschaffene Berufsgruppe allerdings kein Bisschen leichter.
Doch war es klug, dass die Abgeordneten den Zorn der Magiekundigen auf sich zogen indem sie die Hexensteuer einführten? Jedenfalls war die Reaktion der Betroffenen alles andere als moderat. Sollten die Parlamentarier und Staatsbediensteten, die mit der Hexensteuer in Verbindung stehen, selbst abergläubisch sein, so müssen sie sich nun selbst vor Flüchen, Verwünschungen und anderem Unbill in Acht nehmen. Denn tatsächlich wurden damals entsprechende Drohungen laut. Ja selbst die bisher angeblich auf freiwilliger Basis vorgenommenen Rituale, die Rumänien vor Umweltkatastrophen schützten, sollten, nach eigenem Bekunden dieser Zirkel, eingestellt werden. Bislang scheinen die Folgen aber wundersamer Weise ausgeblieben zu sein.
Vielleicht hilft ja die Erkenntnis, dass die Einführung der Hexensteuer nur positive Folgen für Rumänien hatte, auch dabei, den alteingesessenen Aberglauben zu überwinden. Möglicherweise bestärkt dies den Gesetzgeber in Rumänien sogar, noch ganz andere Steuern einzuführen, um den notorisch klammen Haushalt zu stützen. Müssten wir uns also wundern, wenn Rumänien eines Tages auch eine Körpersaftsteuer für Vampire einführen sollte? Wohl kaum…
Dieser Beitrag ersetzt keine steuerliche oder rechtliche Beratung im Einzelfall. Maßgeblich sind Sachverhalt, aktuelle Rechtslage, Zuständigkeit, Dokumentation und Umsetzung.